86 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen werden von Angehörigen gepflegt. In Gesellschaft und Politik bleibt diese große Bevölkerungsgruppe oft unsichtbar. Dabei sind die Zahlen deutlich: In Deutschland gelten rund 5,7 Millionen Menschen als pflegebedürftig, etwa sieben Millionen übernehmen Pflegeaufgaben. Viele Pflegende fühlen sich mit ihren Sorgen und Belastungen allein gelassen – mit finanziellen Problemen, Gefühlen von Angst, Wut oder Überforderung und vor allem mit der Frage: "Wie soll ich das alles schaffen?"
Die bundesweite Fachtagung "Selbsthilfe stärkt: Menschen mit Pflegebedarf und ihre Angehörigen im Fokus" hat diesen Menschen für einen Tag eine Bühne gegeben. Ausgerichtet wurde sie von der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen e.V. (DAG SHG) am 29. Oktober 2025 in Berlin. Neben persönlichen Geschichten, Diskussionen und Workshops gab es auch einen Überblick aus der Politik über anstehende gesetzliche Neuerungen im Bereich Pflege.
Lösungsansätze aus dem Bundesministerium für Gesundheit
Dr. Martin Schölkopf, Leiter der Abteilung 4 – Pflegeversicherung und -stärkung im Bundesministerium für Gesundheit, gab einen Einblick in die aktuelle Situation. Er betonte, dass die Nachfrage nach professioneller Pflege weiter steige. Die Gesellschaft altere – und auch das Pflegepersonal selbst. "Es ist wichtig, Angehörige zu unterstützen – in Zukunft noch mehr," sagte Schölkopf.
Um dem Fachkräftemangel zu begegnen, nannte er mehrere Lösungsansätze: gezielte Zuwanderung, eine weitere Professionalisierung des Pflegeberufs und eine engere Zusammenarbeit mit den Kommunen. Diese Maßnahmen sollen im geplanten „Gesetz zur Befugniserweiterung und Entbürokratisierung in der Pflege“ verankert werden. Auch die verstärkte finanzielle Förderung der Selbsthilfe ist darin vorgesehen.
Die Teilnehmenden schilderten Herausforderungen aus der Praxis – etwa, dass Verfahren oft Monate bis Jahre andauern würden und Kommunen und Pflegekassen nicht gut zusammenarbeiteten. An diesen Stellen sollte die Politik handeln.
Die Situation pflegender Angehöriger
Klaus Grothe-Bortlik, Vorstand der DAG SHG, würdigte in seiner Eröffnungsrede die enorme Leistung der Pflegenden: "Ich habe großen Respekt davor, dass diese aufwendige, kleinteilige Arbeit Tag für Tag geleistet wird."
Wie herausfordernd die Pflege sein kann, machte Ursula Helms, ehemalige Geschäftsführerin der NAKOS, deutlich: "Wir haben ein großes Problem, pflegende Angehörige zu erreichen. Immer, wenn ich mit ihnen spreche, sehe ich, wie sehr sie psychisch darunter leiden, dass der Ehemann nicht mehr aufs Dach steigt, sondern jetzt mit dem Rollator geht."
Viele Auswirkungen von Pflege blieben im Alltag unsichtbar: "Wir haben eine große Zahl an Menschen, für die soziale Teilhabe kaum noch möglich ist," sagte Helms. Es brauche die Kommunen, um sie zu erreichen. "Pflegende Angehörige sind oft stumm. Wir funktionieren leise."
Verständnis als Wendepunkt
Besonders greifbar wurden die Erfahrungen Pflegender im Live-Podcast mit TV-Moderatorin Mareile Höppner, der pflegenden Angehörigen Ursula Reuter, dem ehemaligen Pflegenden Jochen Springborn und Kontaktstellenmitarbeiterin Madlen Seelhoff.
Ursula Reuter, die ihren Mann seit seinem Schlaganfall pflegt, berichtete, wie sie sich anfangs mit den finanziellen Sorgen und der emotionalen Belastung alleingelassen gefühlt habe. Viele hätten gesagt: "Sei doch froh, du hast deinen Mann doch noch." Daraufhin habe sie sich zurückgezogen. Erst ein Anruf bei einer Selbsthilfekontaktstelle brachte den Wendepunkt – als jemand am anderen Ende sagte: "Ich verstehe das." Reuter plädierte dafür, dass bereits bei der Feststellung des Pflegegrades Informationen zu Selbsthilfegruppen mitgegeben werden sollten.
Jochen Springborn, der viele Jahre seine inzwischen verstorbene Frau pflegte, sprach über die finanzielle Belastung. Er habe seine Frau nicht in der Tagespflege unterbringen können, da keine Einrichtung sie aufnehmen wollte. Gleichzeitig habe er die vorgesehenen Leistungen nicht anderweitig nutzen dürfen. "Wir müssen weg von der Bürokratie der vielen verschiedenen Töpfe," forderte er.
Selbsthilfe als zentrale Anlaufstelle für Pflegende
In allen Beiträgen des Tages wurde deutlich, wie wichtig es ist, dass pflegende Angehörige wahrgenommen und ernst genommen werden. Die gemeinschaftliche Selbsthilfe spielt dabei eine Schlüsselrolle: Sie unterstützt in belastenden Situationen und gibt Raum für den Austausch mit Gleichbetroffenen. Die Frage, die am Ende des Tages offenblieb, war: "Wie können wir noch lauter werden?"
Rund 160 Menschen nahmen vor Ort und digital teil. Finanziert wurde die Fachtagung im Rahmen des Projekts "Stärkung des Selbsthilfepotenzials bei pflegenden Angehörigen durch Selbsthilfekontaktstellen", das auch im kommenden Jahr fortgeführt wird – allerdings mit reduziertem Budget.
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Text: Naemi Goldapp/NAKOS, URL: https://www.dag-shg.de/aktuelles/nachrichten/key@3607













